Über Etnia BARCELONA

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Designer-Brillen :

Durch die Farben Barcelonas blicken

Die Brillen von Etnia Barcelona spiegeln die Farben der Stadt wider: bunte Mosaikfußböden und Pastelltöne. Der Gründer David Pellicer ist trotz Krise damit erfolgreich.

Der Erfolg hat ein Bild: Es ist das von 25 leeren Kartons. Darin sollten sie liegen, die bunten Sonnenbrillen von Etnia Barcelona. Tun sie aber nicht, sie sind weg, verkauft in die USA, nach Frankreich, Deutschland und Spanien. So schnell, dass der Nachschub aus Italien noch nicht eingetroffen ist. Passiert schon mal, sagt David Pellicer, der die Marke 2001 gegründet hat und nun vor diesen Pappkartons steht. Der 35-jährige Katalane ist nicht sonderlich beunruhigt. „Hängt wohl noch im Zoll fest“, sagt er. Dann geht Pellicer, schlank, groß gewachsen, kurze dunkle Haare, wieder zurück zur Arbeit. Vorbei an dem schicken Bisazza-Mosaik-Muster der Toiletten, dem Großraumbüro, in dem Kundenberater in mehreren Sprachen telefonieren, hinein in sein Büro, wo aus der Stereoanlage das Album A Different Class von Pulp tönt.

Vom Fenster aus sieht Pellicer auf alles, was man in Spanien nicht sehen will: eine graue Industriewand, leer anmutende Fabrikhallen, Mauerrisse. Die Wirtschaftskrise hat auch Esplugues de Llobregat erreicht, einen Vorort von Barcelona. Einigen Immobilienentwicklern ist das Geld ausgegangen, Rohbauten warten hinter Ankündigungstafeln auf verschobene Fertigstellungen, eine alte Villa verfällt fotogen an einer Kreuzung, wie zum Trotz steht über der Einfahrt „Victoria“. Die Jugendlichen treffen sich mit halbrasierten Bürstenhaarschnitten, um am Eingang der U-Bahnstation von Can Boixeres sehnsüchtig auf die Züge in die Stadt zu starren.

In diesem Nicht-Ort, in der zweiten Etage eines ansonsten verlassen wirkenden Fabrikgebäudes, hat Pellicer das Unmögliche geschafft: Er hat in der Krise eine erfolgreiche Nischenmarke etabliert. Eigentlich hat der Spross der Brillenherstellerfamilie Etnia als Optiker-Brillenmarke konzipiert – junge freche Rahmen, die aus dem Baumwollkunststoff Azetat und in allen erdenklichen Farben entworfen werden. Es war eine Reaktion auf die Eintönigkeit aus Schwarz und Braun. Pellicer hatte sie jeden Tag vor Augen, er fand, sie passte nicht in sein Barcelona mit den kräftigen Pinselstrichen von Gaudí-Architektur, Strandgelb und Himmelsblau. „Wenn Sie in die alten Wohnungen gehen, sehen Sie die farbigen Mosaikfußböden, die Pastelltöne an den Wänden, dieses Bunte wollte ich für die Brillen kreieren.“

Das mit den Farben, meinten seine Eltern zuerst, sei keine gute Idee. Wer will so etwas kaufen? Wenn nicht einmal ihr Sohn, wie er unumwunden zugibt, sich vorstellen konnte, sich so einen verrückten Rahmen auf die Nase zu setzen. Schwierig, fand auch der Vertreter, der die Brillen damals in den Handel bringen sollte. Bis die ersten Zahlen eintrudelten: 200.000 Euro machte Etnia im ersten Jahr mit den ausgefallenen Gestellen, 1,3 Millionen bereits ein Jahr später – und dieses Jahr prognostiziert Pellicer einen Umsatz von 30 Millionen Euro. 

Die Gestelle heißen nach den Flugnummern einer Transatlantikverbindung zwischen Paris und Tokyo

Trotzdem kennt kaum jemand Etnia. Weil es kein Modelabel, sondern ein Handwerksbetrieb ist. Deshalb hat der Unternehmer vor einem Jahr die Sonnenbrillen lanciert. Denn diese Mode-Accessoires haben dem Label Türen geöffnet, die bisher verschlossen blieben – zum Beispiel die des tonangebenden Pariser Concept Stores Colette.

Drei Unisex-Grundmodelle sind erhältlich, eines hat eine futuristische Kastenform, ein anderes erinnert an die schlanken Jet-Set-Brillen der sechziger Jahre, das dritte ist eine Anlehnung an die kreisrunden Hipster-Modelle. Sie sind jeweils nach der Flugnummer einer Transatlantikverbindung zwischen Paris und Tokyo benannt, in 46 verschiedenen Farben erhältlich und mit einem typischen Kontrastbalken am oberen Rand ausgestattet.

Der rasante Erfolg von Etnia hat zwei Gründe. Der eine ist der Preis. Die Sonnenbrillen kosten zwischen 140 und 160 Euro, was für modische Modelle mit vernünftigen Gläsern günstig ist. Für Luxusmarken wie Giorgio Armani oder Chanel ist dies die absolute preisliche Untergrenze, ausgefallene Modelle wie die von Thom Browne kosten schon mal um 800 Euro. „Als ich jung war, habe ich mich ja auch gefragt, warum manche Sonnenbrillen 500 Euro teuer sein müssen“, sagt Pellicer.

„Für viele Modemarken ist die Brille nur ein Nebenprodukt, für uns nicht.“

Vor allem, wenn sie dabei nicht die hochwertigen Linsen von Barberini aus Norditalien anbieten. Das ist der zweite Punkt für die Akzeptanz: die Qualität. „Wir benutzen Gläser aus Mineralien, die schwerer als normale sind, daher nicht so leicht zu zerkratzen sind, und das Sonnenlicht gut polarisieren.“ Pellicer weiß, dass sich viele große Modehäuser diesen Luxus nicht leisten oder nicht leisten wollen. „Wir arbeiten viel zu kompliziert für solche Marken.“

Das Azetat für die Rahmen wird in Italien handgegossen, das Material dann in China zugeschnitten, und am Ende werden die Gläser wieder in Italien eingesetzt. Drei Monate dauert der Produktionsprozess, viel zu aufwändig für einen Hersteller wie den Branchenprimus Luxottica, der über 30 Marken im Portfolio hat, 30 Millionen Brillen jährlich produziert und dessen Gründer Leonardo Del Vecchio laut Forbes die zweitreichste Person Italiens sein soll.

„Für viele Modemarken ist die Brille nur ein Nebenprodukt, für uns nicht.“ Das hilft kleinen Nischenmarken wie Etnia, glaubt der Katalane. Die Käufer fühlen sich gut aufgehoben, für sie stehen solche jungen Marken für eine gewisse Expertise. So wie Super aus Italien, noch so ein handgemachtes Produkt mit Azetatrahmen, Zeiss-Gläsern und bunten Farben. Die seit 2007 gefertigten Brillen haben bereits prominente Fans wie Rapper Kanye West und Schauspielerin Sienna Miller gefunden. Sie sind in unzähligen Kaufhäusern und Boutiquen weltweit vertreten – und wahrscheinlich die Blaupause für den Erfolg von Etnia Barcelona.

Pellicer beugt sich über Fotos von aktuellen Modeschauen. Stella McCartney, Tom Ford, Burberry. Er sieht orangefarbene und gelbe Kleider, Leopardendruck – und denkt: Afrika. Das wird das Thema der nächsten Saison. Am nächsten Morgen fliegt er nach Italien, um mit einem Farbenhersteller die Abstufungen durchzugehen. Das ist immer der erste Schritt: die Farbe. Passt die nicht, wird keine Sonnenbrille produziert. Außerdem verhandelt Etnia gerade mit der Regisseurin Isabel Coixet  über eine Kooperation. Die gebürtige Barcelonesin soll einen Imagefilm drehen, so wie es dieses Jahr bereits der exzentrische japanische Künstler Araki getan hat.

Pellicer ist stolz auf sein Produkt. So sehr, dass er diesmal sogar selbst eines trägt: ein Modell der etwas klobigen NH 206 in Yves-Klein-Blau. Neulich hat ihm jemand im Scherz gesagt, wenn das so weiter ginge mit dem Hype, würde Etnia Barcelona morir de exito – am eigenen Erfolg zugrunde gehen. Weil sie nicht so schnell lieferten wie sie Bestellungen erhielten. Pellicer zuckt mit den Schultern: „Wenn Brad Pitt morgen unsere Sonnenbrillen trägt, wird die Nachfrage noch mal explodieren.“ Er kann auch dann allen Verkäufern nur das sagen, was er selbst predigt: „Das ist handgemacht, das geht nicht schneller.“

Von Ulf Lippitz Zeit online 6.6.2013